Zwischen Musik und Bürokratie: Wenn aus einem Grenztrip plötzlich Stress wird

Eigentlich wollte ich nur kurz zur Grenze fahren, um mein Passavant zu verlängern. Zehn Minuten, vielleicht eine Stunde – so hatte ich mir das vorgestellt. Diesmal lief es anders. Statt eines neuen Stempels bekam ich plötzlich einen ganz anderen Satz zu hören:

„Il vous faut une carte de résidence.“ (Sie brauchen eine Residence Card.)

Warum, fragte ich. Ich habe einen deutschen Pass, einen internationalen Führerschein, ein gambisches Auto mit allen erforderlichen Unterlagen. Und ich halte mich überwiegend in Senegal auf. Seit einem Jahr bekomme ich ohne Probleme das Passavant für jeweils 30 Tage. Aber der Grenzbeamte erklärte mir, dass ich, wenn ich dauerhaft in Senegal mit dem gambischen Auto fahren möchte, eine gambische Residence-Card vorweisen muss. Und er gab mir ein Passavant für nur 10 Tage mit dem Hinweis, ich solle nach Gambia fahren, um das zu erledigen.

Ich war so wütend, mein erster Impuls war, ich gehe zurück nach Gambia. Dort habe ich all diese Probleme nicht.

Aber meine Wut legte sich recht schnell. Denn nur zwei Tage später hatte ich einen tollen Auftritt in Abene. Zum zweiten Mal trat ich im „chez Vero“ auf. Es waren viele Leute dort und neben mir spielten noch andere Musiker*innen. Mittlerweile kenne ich so viele tolle Leute hier, auch welche aus Europa und sogar Deutschland, die dauerhaft hier leben. Das alles soll ich aufgeben, wegen der blöden Bürokratie? Nein, in mir erwachte der Kampfgeist.

Am Mittwoch Abend fuhr ich nach Gambia und am nächsten Tag fuhr ich früh morgens nach Serekunda zum Immigration Office. Mein bester Freund aus Gambia, Janko, begleitete mich. Er hatte dich bereits im Vorfeld erkundigt, was wir tun müssen.

„Sag, dass du in Sanyang lebst. Sag nicht, dass du in Abene lebst. Sag nur, dass du manchmal dort hinfährst, um Musik zu machen“

Es war voll im Immigration Office, Gefühlt hundert Menschen und es war wahnsinnig laut. Alle redeten durcheinander.

Zunächst brauchte ich einen speziellen Stempel im Pass, der bescheinigt, dass ich die üblichen 28 Tage verlängert habe. Dieser Stempel kostet 2000 Dalasis. Danach bezahlte Janko die Gebühr für das Permit. Weitere 7700 Dalasis. Mit der Quittung gingen wir in den nächsten Flur, wo ich mich in eine Schlange einreihte.

Als ich endlich an der Reihe war, wurden meine Daten in den Computer eingegeben und mir wurde ein Formular überreicht. Mit dieser ging ich zum nächsten Schalter, wo noch ein paar weitere persönliche Daten eingetragen wurden. Mein Familienstand, wo ich in Gambia wohne, was ich beruflich mache usw.

Auf zum nächsten Schalter… doch dort erwartete mich eine böse Überraschung!

„There‘s a mistake“

Ein Fehler im Formular! Statt „First request“ also erster Antrag stand dort „renewal“ also erneuert. Als ich das Formular sah, sah ich noch zwei weitere Fehler. Mein Name war falsch geschrieben: statt Sandner stand dort Sadner und bei der Nationalität stand georgian statt german…

Ich musste damit in die erste Etage, um das korrigieren zu lassen. Janko nahm die Dokumente und meinen Pass und erledigte das, während ich geduldig wartete. Es war heiß auf dem Flur und ich hatte Hunger und Durst. Und auch hier war es wieder sehr voll und sehr laut.

Mit dem korrigierten und neu ausgestellten Formular gingen wir wieder ins Erdgeschoss. Dort wurde wieder alles in den Computer eingegeben und ich durfte zum Foto machen!

Auch hier wurde erst wieder alles in den Computer eingegeben, digitale Fingerabdrücke wurden genommen und das Passfoto aufgenommen. Ich unterschrieb noch digital und bekam eine Bescheinigung, dass meine gambische Permit beantragt wurde!

Vier Stunden habe ich auf dem Amt verbracht aber ich hatte das Dokument, was ich brauche. Und letztendlich habe ich mich gewundert, wie einfach es war, diese Residence-Card zu beantragen.

Die richtige Karte wird in etwa einem Monat fertig sein.

All der Stress fiel von mir ab und ich wäre Janko vor lauter Freude am liebsten um den Hals gefallen. Aber es ist Ramadan und da geht das nicht.

Am nächsten Abend hatte ich noch einen schönen Auftritt in der Mama Mia‘s Bar in Sanyang. Mit Marie, der schwedischen Inhaberin, verbindet mich mittlerweile eine schöne Freundschaft.

Und irgendwie fasziniert mich mein Leben zwischen Musik und dem Alltag. Auch wenn es manchmal alles andere als einfach ist. Aber ich wachse daran.

Ein Monat im Weniger

Abene hat den Atem angehalten. Die Trommeln schweigen, die Reggaeboxen sind verstummt, selbst der Wind scheint leiser zu wehen.

Ramadan hat begonnen – und plötzlich fühlt sich das Dorf an, als hätte jemand den Lautstärkeregler heruntergedreht.

Meine Nachbarn haben sich zurückgezogen, denn sie fasten. Alle und alles ist still. Sie sitzen im Schatten. Geruch von Essen nimmt man erst kurz vor Sonnenuntergang wahr. Und selbst die Kinder sind leiser als sonst. Nur die Vögel zwitschern wie gewohnt.

Im Ortszentrum haben trotz Ramadan und christlicher Fastenzeit nahezu alle Restaurants geöffnet, auch tagsüber. Es sind genügend Touristen hier, die essen wollen. Und ich frage mich, wie schafft man es, täglich zu kochen und Gäste zu bedienen, wenn man selbst fastet?

Ramadan ist Verzicht, innere Einkehr, Zeit für Gedanken. Und die Zeit der Vergebung.

Seit Beginn des Ramadans bin ich alleine. Moctar ist in Ziguinchor. Und das ist gut so, denn ich verzichte nicht darauf, tagsüber zu essen und zu trinken. Und dennoch verändert sich auch mein Tagesablauf mit dem Ramadan.

Ich spiele viel auf meiner Kora, liege in der Hängematte und halte Siesta. Und ich lasse meine Gedanken fließen. Ich merke, dass die Stille Dinge hörbar macht, die sonst im Lärm untergehen.

Ramadan ist eine Zeit der Einkehr. Ich faste nicht. Und doch verändert sich mein Rhythmus: Weniger Aktivität. Mehr Zuhause, mehr Hängematte. Mehr Kora. Mehr Innenwelt. Ich merke, es tut mir gut.

Ramadan ist ein Monat des Verzichts. Ich verzichte in diesem Monat auch auf Vieles. Auf gelebte Partnerschaft, auf Umarmungen und Zärtlichkeit. Aber auch auf Eile. Auf Lärm. Auf Auseinandersetzungen, auf Streit.

Und so merke ich, weniger ist manchmal mehr.

Im Ramadan geht es nicht nur ums Fasten; es geht darum, die Seele mit Liebe, Mitgefühl und Hingabe zu nähren“

Wenn Recht haben nicht reicht

Wie ich auf einer Polizeiwache in Senegal ruhig blieb – und warum das den Unterschied machte.

Ich dachte, ich kenne das Prozedere:

Kontrolle. Papiere zeigen. Freundlich lächeln. Ein paar Sätze Smalltalk. Weiterfahren.

So läuft das hier. Ich fahre seit einem Jahr mit meinem gambischen Auto durch Senegal, war unzählige Male an Grenzen, wurde kontrolliert, habe diskutiert, gelächelt, genickt – und meistens war nach fünf Minuten alles erledigt.

Doch diesmal nicht. Diesmal wurde aus einer Kontrolle plötzlich eine Diskussion. Und aus der Diskussion ein Problem.

Aber der Reihe nach: ich war in Ziguinchor, um endlich einige Dinge abzuholen: Kleidung, Handtücher, meine Stative, mein Koraständer usw. Der Kofferraum war voll, zwei kleine Taschen hinter dem Beifahrersitz auf dem Boden. Es war nachmittags und ich wollte zurückfahren, um noch im Hellen in Abene anzukommen.

Am Ortsausgang von Ziguinchor, vor der Brücke, die über den großen Fluss führt, wird kontrolliert. Immer, ich kenne das bereits. Meine Papiere habe ich deshalb griffbereit: internationaler Führerschein, Versicherungskarte und – ganz wichtig – das Passavant, eine Art Visum fürs Auto, denn ich habe ja ein gambisches Auto.

Normalerweise kann ich dann weiterfahren. Nicht diesmal. Der Polizist fragte mich nach meiner gambischen Residence-Card.

Ich schaute ihn mit großen Augen an. Er erklärte mir, wenn ich mit dem gambischen Auto in Senegal fahren möchte, brauche ich eine gambische Residence-Card. Ich fragte: „Seit wann? Ich fahre seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal, habe etliche Male die gambisch-senegalesische Grenze passiert und mir dieses Passavant ausstellen lassen. Noch nie hat man mich dort nach einer Residence-Card gefragt.

Aber der Polizist ließ sich nicht umstimmen. Er nahm meinen Führerschein und das Passavant mit und ich wurde von einem anderen Mitarbeiter zur Polizeiwache eskortiert.

Und da wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Es war die selbe Polizeiwache wie letztes Jahr, mit Moctar. Und es war der selbe Beamte. Und wieder wusste ich, mich erwartet nichts Gutes.

Der Beamte öffnete seine Bürotür und sagte, ich hätte keine gambische Residence-Card und ich müsste Strafe zahlen. Ich habe nicht verstanden, wie viel und ich wollte nicht noch mal nachfragen. Stattdessen sagte ich: „Ich werde nichts zahlen“. Der Beamte schloss die Tür wieder von innen und ließ mich im Wartezimmer stehen. Okay, das wird jetzt also ein Machtspiel, sagte ich zu mir selbst und hängte hinterher: und das werde ich nicht verlieren.

Kurz darauf kam Moctar. Er erklärte dem Beamten, dass ich seit über einem Jahr mit diesem Auto in Senegal rumfahre und etliche Male das Passavant habe machen lassen und noch nie hätte jemand nach einer Residence-Card gefragt. Doch der Beamte zuckte nur mit der Schulter und forderte mich auf, ihm den Autoschlüssel auszuhändigen. Ich weigerte mich, eine Stunde lang. Da wurde er wütend und sagte, wenn ich ihn nicht freiwillig abgebe, nehmen sie ihn mit Gewalt.

Wütend habe ich den Schlüssel auf den Tisch gelegt und die deutsche Botschaft in Dakar angerufen.

Der Mitarbeiter hörte sich alles an, stellte noch ein paar Fragen und bot an, mit dem Beamten zu reden. Aber der wollte nicht. Ich hab den Lautsprecher eingeschaltet und langsam kam das Gespräch in die Gänge. Bis zu dem Punkt, wo der Mitarbeiter der Botschaft fragte, wo er denn diese Regelung nachlesen könnte. Schweigen…

Klar, es gibt sie ja nicht.

Der Beamte meinte, er macht jetzt Feierabend. Ich durfte noch meinen Rucksack aus dem Auto holen und dann habe ich mir ein Hotel gesucht, nur wenige Meter von der Polizeiwache entfernt.

Am nächsten Morgen bin ich wieder hin und jetzt kommt das Wunderbare: ich bekam meinen Schlüssel ausgehändigt und konnte fahren. Ohne Strafgebühr. Einfach so!

Am Ortsausgang musste ich wieder die Polizeikontrolle passieren und meinen Führerschein und das Passavant abholen. Erst wollten sie mir meine Dokumente nicht geben aber dann hatte jemand die Idee, zu telefonieren. Und dann ging alles sehr schnell und ich hatte alles wieder in meinen Händen.

Ich weiß, dass im Hintergrund ein paar gute und mächtige Kräfte am Werk waren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Auf mich bin ich stolz, ich bin nicht eingeknickt, ich habe mich nicht einschüchtern lassen! Die Nacht im Hotel hat mich 30€ gekostet. Die Polizei hat 0,00 von mir bekommen. Das ist das, was für mich zählt.

An diesem Tag war ich meine eigene Heldin.

Wenn ‚gleich‘ nicht gleich bedeutet

Gott gab den Europäern die Uhr und den Afrikanern die Zeit.

Ich habe diesen Satz vor Jahren irgendwo gelesen und dachte mir, was für eine schöne Metapher! Ein bisschen poetisch, ein bisschen exotisch, ein bisschen „ach wie anders ist doch die Welt“.

Heute, nach vielen Wochen und Minaten Afrikaerfahrung, denke ich: Der Satz ist nicht schön. Er ist präzise. Und manchmal auch brutal.

Zeit ist hier nicht einfach langsamer. Sie ist anders gebaut. Sie funktioniert nicht wie ein System, das man wie bei uns mit Terminen, Listen und guter Organisation in den Griff bekommt. Zeit ist hier nicht etwas, das man „hat“. Zeit ist etwas, das passiert.

In Europa trägt man die Uhr wie ein Werkzeug. Man richtet sich danach. Hier wirkt sie manchmal eher wie ein modisches Accessoire. Ein Ding, das man zwar besitzt, das aber im Alltag erstaunlich wenig Beachtung findet.

Wie oft habe ich gedacht: Das müsste doch jetzt mal klappen. Oder: Das kann doch nicht so schwer sein. Oder mein persönlicher Favorit: Warum dauert das so lange?

Und dann kommt dieses Wort. Dieses kleine, unscheinbare Wort, das mich inzwischen mehr herausfordert als meine Kenntnisse in Mandinka, Wolof oder Französisch.

„gleich“.

Gleich heißt hier nicht „in fünf Minuten“. Gleich heißt eher: Irgendwann. Wenn es passt. Wenn die Dinge bereit sind. Wenn die Welt kurz Platz macht. Das ist vielleicht am Nachmittag, vielleicht am Abend, vielleicht aber auch erst morgen.

Das klingt erst einmal entspannt. Und ja – manchmal ist es das auch. Manchmal ist es sogar wunderschön. Denn während ich in Europa Wartezeit oft als verlorene Zeit empfunden habe, ist sie hier selten leer. Menschen sitzen zusammen, reden, lachen, trinken Tee, schauen einfach in die Gegend. Niemand scheint das Gefühl zu haben, dass ein Moment wertlos ist, nur weil er nicht produktiv ist. Niemand hetzt und wenn ich später komme… was soll’s. Kein Problem.

Und trotzdem: Es gibt Tage, da ist „Zeit haben“ kein Geschenk, sondern ein Test. Ein Test für Geduld. Für Vertrauen. Für Nerven. Und manchmal auch für die eigene Arroganz.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Die Uhr gibt mir das Gefühl von Kontrolle. Die Zeit nimmt sie mir wieder weg.

„Vielleicht stimmt dieser Satz also wirklich. Gott gab den Europäern die Uhr. Und den Afrikanern die Zeit. Und ich stehe dazwischen und lerne gerade, dass beides seinen Preis hat.“

Wenn aus Fremden Freunde werden

Open House bei Mame Sey Nabou in Diannah Bolong

Mame Sey Nabou

Gestern Nachmittag war ich eingeladen – bei Barbara. Oder besser gesagt: bei Mame Sey Nabou, ihrem afrikanischen Namen. Sie lebt seit vielen Jahren im Senegal, aber erst seit etwas mehr als einem halben Jahr hier in Abéné… genauer gesagt in Diannah Bolong, einem dieser Orte, bei denen man sich fragt, ob sie wirklich noch auf der Landkarte stehen oder ob man sie einfach nur findet, wenn man es ernst meint mit dem „Ankommen“.

Barbara veranstaltet fast jeden Samstag einen offenen Treff. Wer will, darf kommen. Es gibt kein Programm, keinen Eintritt, keine Bühne – nur eine Terasse, ein paar Stühle, Bastmatten auf dem Boden und eine ungeschriebene Regel: Wenn möglich, bring ein Instrument mit.

Ich entschied mich für die Gitarre und die Ukulele. Kasia, eine Freundin, die mich begleitet hat, kam deutlich ambitionierter: E-Piano, Geige und ebenfalls eine Gitarre. (Manche reisen mit Handtasche. Wir reisen mit Musikgeschäft. 😂)

Und dann waren wir plötzlich viele. Sehr viele. Ein paar Deutsche, ein Paar aus Dänemark, eine Querflötenspielerin aus Holland, Beth aus Großbritannien – und natürlich auch Senegalesen. Menschen, die sich zum Teil noch nie gesehen hatten. Menschen, die nicht mal dieselbe Sprache sprechen. Und trotzdem saßen wir da, als wäre es das Normalste der Welt.

Barbara eröffnete den Nachmittag mit ihrer Shruti-Box und ihrem Gesang. Mystisch, fast wie ein Ruf. Als würde sie den Raum nicht einfach füllen, sondern ihn erst erschaffen. Danach folgten Sebastian und die Dänin mit verschiedenen Blockflöten – leise, fein, wie ein Wind, der durch einen Garten zieht.

Und dann war ich dran.

Ich nahm meine Gitarre und sang drei westafrikanische Lieder. Marian begleitete mich auf der Querflöte, Kasia am Klavier. Und plötzlich war da dieser Moment, den man nicht planen kann: Als ob sich alles ineinander schiebt. Als ob die Musik sich selbst findet. Nicht perfekt – aber lebendig.

Später kamen die Djemben dazu. Die Senegalesen übernahmen den Rhythmus, und auf einmal wurde aus „wir hören zu“ ein „wir sind mittendrin“. Wir tanzten, wir sangen, wir klatschten. So viel Energie, so viel Freude, so viel Wärme.

Und irgendwann habe ich gemerkt:

Hier werden keine Visitenkarten verteilt. Niemand fragt nach Lebensläufen oder Herkunft. Man muss nicht erklären, warum man hier ist.

Man spielt. Man hört zu. Man macht mit.

Und genau so werden aus Fremden Freunde.

Ich bin nach Hause gefahren mit dem Gefühl, dass dieser Nachmittag mehr war als ein nettes Treffen. Es war ein wieder mal ein Anfang.

Mit der Querflötenspielerin habe ich schon verabredet, gemeinsam Musik zu machen. Und Barbara – oder Mame Sey Nabou – ist eine dieser Frauen, die man nicht einfach „kennenlernt“. Man begegnet ihnen. Und irgendwie bleibt danach etwas in einem zurück.

Wer liegt wo im Bett?

Über Traditionen, Körper und unbewegliche Regeln

Bislang habe ich es vermieden, über die Beziehung zu meinem senegalesischen Mann zu schreiben.

Ich selbst habe damit wenig Probleme, in Deutschland und Tschechien ist es in meinem Umfeld normal, über die Beziehung und auch Beziehungsprobleme zu reden. Und nicht wenige Probleme fanden eine Lösung, weil ich in den Gesprächen mit Freunden wertvolle Gedankenimpulse bekam. Hier in Afrika dagegen spricht man darüber nicht. Aber ich weiß, dass es viele interessiert, mit welchen kulturellen Problemen wir zu kämpfen haben.

Eines dieser Probleme ist, wer wo im Bett liegt. Was haben wir gestritten!

Hier in Westafrika stehen die Betten sehr oft an der Wand, aus Platzgründen. Das heißt, einer von beiden schläft an der Wand, die andere Person schläft vorne.

Normalerweise …

Denn hier in Senegal (und auch in anderen westafrikanischen Ländern) schlafen Männer grundsätzlich vorne im Bett. Das war schon immer so, das hat Tradition.

Die Begründungen dafür sind schnell erzählt: Schutz, Wachsamkeit, Verantwortung. Der Mann liegt zur Tür, zur Welt hin. Er ist derjenige, der im Ernstfall aufsteht, der reagiert, der beschützt.

Klingt archaisch? Ist es auch. Aber archaisch heißt nicht automatisch falsch. Es heißt erst einmal nur: alt. Tief verankert. Kaum hinterfragt.

Lange blieb das für mich theoretisch. Ein kulturelles Detail, über das man stolpert – und dann weitergeht.

Konkret wurde es erst, als wir noch nicht in unserem Haus lebten. Der Putz musste trocknen, das Bett war noch nicht da.

Wir blieben für einige Tage in einer anderen Unterkunft. Dort stand das Bett an der Wand. Ich hab seit über 6 Monate eine Entzündung in Knie. Also wollte ich vorne schlafen, weil es einfacher und mit weniger Schmerzen verbunden ist. Aber Tradition ist Tradition.

Vier Nächte lang schlief ich an der Wand. Vier Nächte lang kletterte ich nachts über meinen Mann, um aufzustehen. Mit Schmerzen. Halb schlafend. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken.

Nach der vierten Nacht wusste ich: Das halte ich nicht durch.

Ich sagte nicht: Das ist unfair.

Ich sagte nicht: Das ist respektlos.

Ich sagte nur: „Lass uns in unser Haus ziehen.“

Ein Zimmer des Hauses war bezugsfertig, mein Bett aber noch nicht angekommen. Also kaufte ich für den Übergang eine Matratze und legte sie auf den Boden.

Zur Wand war jetzt etwa ein Meter Abstand. Ich dachte: Problem gelöst. Ich legte mich rechts hin. So kann ich besser aufstehen, speziell mit meinem kaputten Knie.

Aber Wand ist Wand. Denn die Tür war rechts. Und damit war klar: Der Mann liegt vorne, also rechts.

Egal, ob das Bett direkt an der Wand steht oder einen Meter davon entfernt. Egal, ob es ein Bett ist oder nur eine Matratze auf dem Boden.

Ich fragte irgendwann: „Wer soll hier eigentlich nachts einbrechen? Zwei schwere Metalltüren. Dreifach abgeschlossen. Zusätzlich ein dicker Metallriegel von innen.“

Das Argument nutzte nichts. Tradition ist nicht logisch. Sie ist loyal sich selbst gegenüber.

Also stellte ich die Matratze erneut um. Nicht mehr quer zur Wand, sondern längs. Die Wand nun am Kopfende, die Tür an der Fußseite.

Und erst dann – nach mehreren Umzügen, Umbauten und Neuordnungen – konnte ich endlich rechts liegen.

Nicht, weil sich eine Tradition bewegt hätte. Sondern weil ich den Raum so lange verschoben habe, bis mein Körper hineinpasste.

Nach etwa drei bis vier Wochen war das zweite Zimmer fertig. Auch mein Bett war inzwischen aus Deutschland angekommen – inklusive Matratze.

Seitdem schläft mein Mann oft in diesem zweiten Zimmer.

Und ich allein in meinem.

Irgendwann fragte ich mich – und später auch ihn, wie das eigentlich zusammenpasst: Einerseits vorne im Bett liegen, um mich zu beschützen. Und mich andererseits alleine schlafen zu lassen.

Die Antwort kam ohne Zögern: „Hier kann niemand hinein. Alles ist abgeschlossen. Und der dicke Metallriegel ist von innen vorgeschoben.“

Aha.

Plötzlich war Schutz keine symbolische Aufgabe mehr. Sondern eine theoretische. Plötzlich reichten Schlösser, wo vorher Präsenz gemeint war.

Erst da begriff ich, was hier eigentlich passierte. Es ging nicht um Möbel. Nicht um Platzmangel. Nicht einmal um Schlafpositionen.

Es ging darum, dass sich alles bewegen ließ –außer der Regel selbst.

Ich habe Verständnis für Traditionen. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass sich ein Körper einem Symbol unterordnen soll. Schon gar nicht meiner.

Wenn Hilfe keinen Preis hat

Letzte Woche lernte ich in Gambia eine Gruppe von spanischen Zahnärzt*innen kennen. Sie kommen seit über 14 Jahren jedes Jahr hierher nach Sanyang, um eine Woche lang freiwillig und unentgeltlich die Bevölkerung zu behandeln. Sie nehmen dafür ihren privaten Urlaub. Und sie bezahlen alles, Flug, Unterkunft, Essen usw. von ihrem eigenen Geld.

Letzten Dienstag habe ich sie fotografisch bei ihrer Arbeit begleitet und ich bin tief beeindruckt.

Als ich ankomme, sitzen etwa 50 Menschen draussen auf Bänken, dicht an dicht. Sie warten geduldig, bis sie an die Reihe kommen. Erst müssen sie sich anmelden und es wird geschaut, ob ein Zahn (oder sogar mehrere) gezogen wird oder ob ein Zahn eine Füllung benötigt.


Im Krankenhaus werden die Patient*innen in zwei Flügeln behandelt: der linke Flügel ist Zähne ziehen, der rechte Flügel ist Zähne füllen und reinigen. Dazwischen ist ein abgetrennter Raum, wo die Instrumente gereinigt und sterilisiert werden.
Alle arbeiten hochkonzentriert und Hand in Hand, dabei treffen hier Ärzt*innen aufeinander, die in Spanien an komplett unterschiedlichen Orten leben und arbeiten. Im Hintergrund läuft spanische Musik: Despacito und so etwas in der Art.

Ich werde freudig begrüßt und mache mich an meine Arbeit. Ich darf alles fotografieren, die Patient*innen wissen davon und haben ihr Einverständnis gegeben. Ich verschaffe mir zunächst einen Überblick und dann lege ich los.
Natürlich versuche ich, möglichst unauffällig und diskret im Hintergrund zu bleiben und niemanden bei der Arbeit zu beeinträchtigen. Aber manchmal gehe ich auch sehr nah ran.

Auch Kinder werden behandelt und sie sind verdammt tapfer!

Mich berühren viele Momente, zum Beispiel als das kleine Kind auf dem Schoß seiner Mutter sitzt als ihr ein Zahn gezogen wird.

Oder als ein wildfremder Mann, der als Dolmetscher vor Ort ist, die Hand einer Patientin nimmt, weil sie große Angst vor der Betäubungsspritze hat.

Im rechten Flügel, wo Füllungen gesetzt und Zähne gereinigt werden, geht es etwas entspannter zu. Als ich den Raum betrete, tönt gerade „Despacito“ laut aus den Boxen.

Alle lachen, die, die noch auf ihre Behandlung warten und die, die ihre Behandlung hinter sich haben.

Lachen vermischt sich mit Dankbarkeit. Dankbarkeit für diese fantastische Gruppe, die eine Woche lang unentgeltlich die gambische Bevölkerung behandelt.

Im Dazwischen

Was passiert in mir, wenn noch nichts abgeschlossen ist und ich dennoch weitergehe?

Die letzten Tage ist sehr viel passiert aber nichts ist zu Ende gegangen. Ich schreibe also über lose Fäden, Anfänge und über ungelegte Eier. Ich schreibe aus Gambia, ich habe mir eine Woche Urlaub genommen. Klingt lustig? Ist es auch.
Eigentlich wollte ich meine Autoversicherung erneuern und Bekannte und Freunde besuchen, die ich seit einem Jahr nicht gesehen habe.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt stand ich in Sanyang am Strand, wo ich mir ein Zimmer gebucht habe.
Und seitdem geht es bäng-bäng-bäng.

Ich treffe meinen besten Freund hier, der mir bei der Autoversicherung hilft und mein Auto für einen Ölwechsel in die Werkstatt bringt. Ich treffe Marie, eine bezaubernde Frau aus Schweden, die in Sanyang die Mama Mia’s Bar betreibt – dort werde ich am Samstag singen. (Wie seltsam: Ich schreibe über etwas, das noch nicht passiert ist, und wenn ihr das lest, ist es bereits Vergangenheit.)
Ich begegne vielen Bekannten: am Strand, auf dem Markt, bei ihnen zu Hause. Alles greift ineinander, ohne dass ich es geplant hätte.

Am Freitag bin ich im Bird Garden, einem Veranstaltungsort mit vielen Bäumen und Pflanzen.
Die Manding Maballa Band spielt. Ich kenne sie seit drei Jahren, und wie so oft darf ich mitsingen: Miniyamba.
Ein Koraspieler, ein paar Trommeln. Keine Probe. Und trotzdem passt alles.
Immer wieder fasziniert mich das.

Eine Gruppe spanischer Zahnärzte ist auch dort. Sie sind für ein paar Tage hier, um Menschen in Sanyang freiwillig zu behandeln. Sie laden die Band und mich für kommenden Donnerstag zu einer Party ein. Und ja – das macht mich stolz.

Auch in Abene warten weitere Auftritte auf mich. Vieles fügt sich gerade, ohne dass ich es festhalte oder absichere.

Es fühlt sich an, als würde alles von alleine laufen. Aber vielleicht stimmt etwas anderes mehr:
Ich lasse es laufen.

Nicht alles ist abgeschlossen. Nicht alles ist geklärt. Und doch gehe ich weiter.
Genau darin liegt im Moment meine größte Ruhe und meine größte Stärke.

Aus alt wird neu

Es gibt Investitionen, die fühlen sich nicht nach Luxus an, sondern nach Konsequenz.

Letztes Jahr habe ich mir in Senegal eine Kora fertigen lassen. Damit ich eine gute Zuhause in Deutschland bzw. Tschechien habe und eine gute hier in Senegal. Es kostet schließlich jedesmal 90€, sie im Flugzeug mitzunehmen. 3x fliegen = 1 neue Kora.

Ich hatte bei meiner damaligen alten Kora das Problem, die F-Oktave zu greifen. Deshalb ließ ich eine Kora bauen, wo die Haltestäbe näher beieinander stehen, so war es leichter, die Oktave zu greifen.

Aber in wenigen Wochen merkte ich, es ist nicht meine Kora, irgendwas ist nicht richtig, sie sitzt nicht. Ich konnte zwar die beiden F-Saiten gemeinsam greifen aber dafür hatten die Finger nicht ausreichend Platz für die hinteren Saiten, was das Spielen einiger Passagen deutlich erschwerte.

Letztendlich flog ich mit der alten Kora nach Hause und habe während des Sommern gemerkt, es ist nur eine Frage des Übens. Am Ende des Sommers hatte ich keine Probleme, die Oktavseiten zu greifen.

Ende November flog ich nach Senegal und meine anfängliche Freude auf meine Kora verflog ähnlich schnell wie der Flug von Düsseldorf nach Banjul.

Und so traf ich eine Entscheidung. Eine neue Kora musste her. Ich fragte meinen Koralehrer Modou Konté, ob er die Haltegriffe versetzen kann. Aber die Antwort war, wie ich erwartet hatte: nein.

Aber er schlug mir vor, eine neue Kalebasse zu kaufen und diese zu bespannen und die restlichen Komponenten von meiner alten Kora zu nehmen, das würde die Kosten erheblich reduzieren.

Obwohl es immer noch viel Geld für mich war, traf ich diese Entscheidung. Als Musikerin muss ich Prioritäten setzen und die hier war ganz klar.

Ein paar Tage später brachte ich Modou meine Kora und er zerlegte sie in ihre Einzelteile. Die neue Kalebasse war bereits bespannt und einen Tag später konnte ich meine „neue alte Kora“ wieder abholen.

Und was soll ich sagen, es war Liebe auf den ersten Blick! Sie spielt sich verdammt gut! Und darum geht es ja.

Manchmal sind Abschiede und Anfänge nicht klar voneinander zu trennen. Gestern noch die zerlegte Kora, heute schon neue Klänge. Das ist wie ein leises Versprechen: Alles, was geht, macht Platz für etwas, das bleibt – oder vielleicht sogar noch stärker wird. Jede Veränderung, so klein oder groß sie auch sein mag, hat ihren eigenen Rhythmus Heute beginnt er für mich neu.

Eine Woche voller Rhythmus. Und dann Stille.

Die letzten Tage waren laut. Trommeln, Stimmen, Lachen, Proben, Bühne. Ich hatte Workshops, ich habe zugehört, gespielt, gesungen. Viel Bewegung, viel Klang, wenig Pause.

Und jetzt sitze ich hier und bringe kaum einen Ton heraus. Aber der Reihe nach.

Seit letzter Woche nehme ich am Trommelworkshop teil. Afrikanisches Trommeln auf der Djembe.

Erst waren wir 7 Teilnehmerinnen, später 11. Dazu kommen Mockoulo, unser Lehrer und die drei Dundun-Spieler. Das ist ordentlich Wumms. Es macht totalen Spaß, obwohl es uns fordert, denn die Rhythmen sind nicht einfach. Wir haben „Barandosa“ gelernt, ein Rhythmus, der gerne getrommelt wird, bevor es ordentlich an die körperliche Arbeit geht.

Es gab jede Menge Konzerte: Mockoulo ist ein paar Mal mit seiner Band aufgetreten.

Dann hatten wir ein sehr schönes Konzert von Modou Konté, mein Koralehrer. Über 1 1/2 Stunden hat er für uns gespielt und wir haben dazu getanzt. Das war ein wunderschöner und unvergesslicher Abend!

Und ich bin aufgetreten! Vor etwa 30-40 Leuten, Einheimische und tschechische Workshopteilnehmerinnen. Es war ein sehr schönes Konzert und ein dankbares Publikum.

Ich hatte bislang Zweifel, wie es bei den Einheimischen ankommt, wenn eine weiße Europäerin traditionelle westafrikanische Lieder singt. Aber die Zweifel waren unbegründet. Es macht sie stolz, dass ich ihre Lieder interpretiere.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Und nun ist Stille, seit Mittwoch. Als ich am Dienstag Abend auftrat, spürte ich bereits die Erkältung in mir. Meine Stimme war am Anschlag und überall dort, wo ich ein Kapodaster verwende, setzte ich es 1/2 Ton tiefer.

Am nächsten Morgen war meine Stimme weg und das hat sich bis heute nicht gebessert. Dazu ein trockener, festsitzender Husten und leicht erhöhte Temperatur…

Ich schlafe viel und spreche nur sehr wenig.

Funfact: seitdem streiten Moctar und ich nicht. Und ich denke gerade drüber nach, was mir das sagen soll. 😂

Vielleicht sollte man Beziehungen manchmal einfach stumm schalten.